Das Jahr 2016 war für uns und unsere Freunde und Förderer ein Jahr mit vielen anregenden Begegnungen. Wir haben unter anderem unser Netzwerk erweitert und bieten nun in Kooperation mit Christian Strobl, ETHIKUM Student mit professioneller Trainer-Ausbildung, regelmäßig einen Workshop an, der zur Konfrontation mit inneren und äußeren Konflikten einlädt. Der Referent führte in wissenschaftliche Theorien ein, wie etwa die Theorie der Kognitiven Dissonanz, spielte mit den Teilnehmern diverse Dilemma-Situationen durch und ließ in Gruppenarbeiten Lösungen für exemplarische Konflikte suchen.

Workshop zur praktischen Ethik

Einem ganz ähnlichen Thema wurde in einem weiteren Workshop nachgegangen, wo es um die praktische Ethik im alltäglichen Handeln ging. Unter anderem führte die Moderatorin, Angela Poech, Professorin an der Hochschule München, ein Rollenspiel durch, das in Zusammenarbeit mit der GLS Bank entwickelt wurde. Die Teilnehmer müssen sich vorab anhand von Rollenanweisungen in ihre Rolle einfühlen und gehen dann in eine Echtzeit-Situation. Im konkreten Falle handelte es sich unter anderem um ein Bankberatungsgespräch, in dem inhärent widersprüchliche Interessenlagen angelegt sind, so dass es bei den Beteiligten unweigerlich zu ethischen Konflikten kommen muss. Die Art, wie mit diesen Konflikten in der Kommunikation umgegangen wird, stellt die eigentliche Herausforderung dar. Die ETHIKUM Studenten konnten hier ein weiteres Mal zeigen, welche außergewöhnlichen ethischen und sozialen Kompetenzen sie in den ca. zwei Jahren ihrer ETHIKUM-Ausbildung an der Hochschule München erworben haben.

Merkmale einer Dialogethik

Der PhiloBrunch mit Dr. Andreas Belwe richtete den Fokus auf das ethische Handeln in der digitalen Welt. Der Referent wartete mit einer Reihe von wissenschaftlichen Ergebnissen zur Neurobiologie auf und verknüpfte dies mit Erkenntnissen aus der Philosophie. Ideengeschichtlich sei Martin Buber (1878-1965) einer der markantesten Vertreter der Dialogphilosophie. Seine These lautet: das Gespräch und die Begegnung ist die Grundlage des menschlichen Seins, d.h. dass sich der Mensch erst durch einen Anderen erlebt, erfährt und spürt. Leben, so Buber, sei zu verstehen als ein Angesprochenwerden und als ein Antworten, als ein Ansprechen und ein Antwortempfangen. Der Mensch wird an einem Du zum Ich. Aus dieser Grundidee heraus entwickelte der Referent eine Liste an Merkmalen zur Dialogethik, wie sie heute seiner Meinung nach vor dem Hintergrund der zunehmenden Digitalisierung von Kommunikation gepflegt werden sollte. Daraus ergab sich im zweiten Schritt ein spannender Beitrag, der auf unserer Webseite zu lesen ist: Ethik des Dialogs.

Projekt zur Förderung straffälliger Jugendlicher

Auch der PhiloBrunch mit Prof. Dr. Steindorff-Classen war eines der Highlights unseres Veranstaltungsjahrs. Die Referentin ist Gründerin von KonTEXT, das Studentische Leseprojekt der Hochschule München zur Förderung straffälliger junger Menschen. Es sieht neben der Begleitung von Jugendlichen bei der Erfüllung gerichtlich angeordneter Lesemaßnahmen die Durchführung von Lesegruppen in der Jugendarrestanstalt München vor. Außerdem werden Textwerkstätten und Themengruppen in der Arrestanstalt angeboten, und wer sich während der Haft Bücher ausleihen will, kann dies seit einiger Zeit in der dortigen projekteigenen Bücherei tun. Dem Gesamtprojekt gaben die Studierenden den Namen KonTEXT, um die zentrale Bedeutung von geschriebenen Texten für ihre Arbeit mit den straffälligen Jugendlichen herauszustreichen, wie das folgende Zitat eines der Jugendlichen zeigt:

„Es war interessant zu lesen, dass es auch andere Leute gibt wie mich, und ich fand es halt auch extremst interessant, das aus anderen Augen zu lesen und nicht nur aus den eigenen. … Also hätte ich das [die Lesestrafe] nicht bekommen, dann hätte ich wahrscheinlich irgendwann wieder irgendwie Scheiße gebaut…“

Anregungen zum konkreten ethischen Handeln

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Begegnungen im Rahmen unserer Veranstaltungen auch deshalb so anregend sind, weil stets unterschiedliche Generationen miteinander diskutieren: Studierende und berufstätige Absolventen der Hochschule München, Lehrbeauftragte und Professoren und Wirtschaftsvertreter aus der Praxis.

Sehr beeindruckend ist auch die Wirkung auf die Teilnehmer und die in kurzer Zeit entstehende positive und vertrauensvolle Atmosphäre. Es ist erstaunlich, dass diese Menschen ihre wertvolle Zeit opfern, um sich über Mitmenschlichkeit und Werte auszutauschen. Die Qualität dieser Treffen ist voller Wertschätzung, Respekt, Wissensdurst und Wohlwollen und gerade die jüngeren Teilnehmer bekunden, dass diese Gelegenheiten und ‚Oasen‘ in unserer Gesellschaft rar geworden seien. Auch gelingt es uns dank unserer Referenten zumeist, unseren Gästen einen Impuls hin zu einer „Ethik der kleinen Schritte“ mitzugeben, also etwas, das sie in Ihre (geistige) Tasche packen und mit nach Hause nehmen – ein scheinbar kleiner Aspekt der praktischen Ethik, den sie am nächsten Tag in ihrem beruflichen oder privaten Umfeld konkret umsetzen können. So lautete etwa ein Beitrag eines studentischen Teilnehmers zum Inklusionsthema beim Kaminabend mit Thomas Heymel von der Stiftung Pfennigparade: „Wieso kann man nicht in ein Altenheim einen Billardtisch reinstellen und einen Freizeittreff für Jugendliche daraus machen?“ – eine Anregung, die von Thomas Heymel sofort begeistert aufgenommen wurde. Ein Schritt in der konkreten Umsetzung der Ethik!

Unsere Leser stimmen ab: Top 3 unserer Posts

Zu guter Letzt dürfen wir Ihnen noch die Top 3 unserer Webseitenbeiträge vorstellen – gerechnet als Allzeithoch über die gesamte Lebenszeit von www.ethica-rationalis.org:

  1. Die vier Prinzipien ethischen Handelns in der Medizin (48.810 Aufrufe, Stand Dezember 2016)
  2. Von ethischen Werten zu ethischem Handeln (Teil 1): Der Prozess der Gedankenschulung (Aufrufe 13.932, Stand Dezember 2016)
  3. Die Goldene Regel aus dem Blickwinkel der Philosophie: Zu Schopenhauers Mitleidsethik (Aufrufe 8.235, Stand Dezember 2016)

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