Endet das Gespräch, endet der Mensch. So könnte man die Bedeutung des Aufeinanderbezogenseins im dialogischen Geschehen pointieren. Wer bin ich, wie denke ich, was ist mir wichtig, woran möchte ich mein Handeln ausrichten? – diese Fragen der Selbstaufklärung können nur in einem wahrhaften und wahrhaftigen Perspektivenwechsel beantwortet werden, denn wie leicht täuscht man sich selbst? Aus ihrer Selbsttäuschung  wollte Sokrates die Athener aufscheuchen. Er war der Ansicht, die Menschen müssen sich auf den Prüfstand stellen und sich fragen, ob die Basis des eigenen Handelns für Andere empfohlen werden kann. Im Gespräch erfahren die beiden Gesprächspartner jeweils den Widerspruch des Anderen, beide müssen diesen Widerspruch aushalten, wenn sie ihr Denken, ihr Handeln und damit ihr Leben weiterentwickeln oder verändern wollen. Die hohen Ansprüche, die Sokrates inhaltlich an ein Gespräch stellt, korrelieren mit formalen Kriterien, aus der eine Dialog-Ethik abgeleitet werden kann.

Dialog ist nicht nur eine Gesprächstechnik, im Dialog zeigt sich auch eine bestimmte Haltung, die allerdings durch Einsatz moderner Kommunikationsmedien bzw. durch dessen Folgen verändert wird. Phänomene wie digitale Distraktoren, Verflachung der Kommunikation, Anonymität und die dadurch bedingte Distanzlosigkeit und Unverbindlichkeit sind längst begriffen. Dass Facebook-Freunde zu phantom-analogen Kommunikationspartnern werden, dass man sich Identitätsmasken überstülpt, dass die Kommunikation fragmentarisch und jederzeit beendbar ist und im Grunde nur jeder mit sich selbst spricht, wird als schleichender Prozess mehr oder weniger bewusst wahrgenommen und auch in Kauf genommen.

Was ist nun ein Dialog? Bildhaft gesprochen stellt ein Dialog ein gemeinsames und vor allem ein neues Bauwerk dar. Abstrakt formuliert: Die system- (also dialog-)intern produzierte Organisationsleistung führt zu Systemeigenschaften, welche aus den Eigenschaften der Systemelemente allein nicht mehr erklärbar und ebenso wenig auf die Eigenschaften der Elemente reduzierbar sind (sog. emergente Eigenschaften). Das heißt: Fasst man die beiden Dialogpartner als Systeme auf, werden die neuen Systemeigenschaften, die im Gespräch auf Basis des wechselwirkenden Prozesses entstehen, eben nur in dieser Konstellation hervorgebracht.

Zur erkenntnistheoretischen und ethischen Dimension: Durch die Anderen wird der Mensch nicht nur hervorgebracht, sondern sie bilden auch den Zugang zur Welt, indem sie ihm Kenntnis, Wissen und Gewissheit von der Welt vermitteln. Ludwig Feuerbach (1804-1872) schreibt dazu: „Zwei Menschen gehören zur Erzeugung des Menschen – des geistigen so gut wie des physischen: die Gemeinschaft des Menschen mit dem Menschen ist das erste Prinzip und Kriterium der Wahrheit und Allgemeinheit. Die Gewissheit selbst von dem Dasein anderer Dinge außer mir ist für mich vermittelt durch die Gewissheit von dem Dasein eines andern Menschen außer mir. Was ich allein sehe, daran zweifle ich, was der Andere auch sieht, das erst ist gewiss.“

Durch seine Beziehung zum Anderen, so könnte man mit Emmanuel Lévinas (1906-1995) weiterdenken, ist der Mensch mit Anderen verwoben, denn die Beziehung mit dem Nächsten „gibt meinen Beziehungen mit allen Anderen ihren Sinn“. Die Verbundenheit mit Anderen über den Anderen ist dadurch gegeben, weil „der Andere, mein Nächster, Dritter ist im Verhältnis zu einem Anderen, der seinerseits auch Nächster ist“.

Ideengeschichtlich ist Martin Buber (1878-1965) als einer der markantesten Vertreter der Dialogphilosophie hier zu nennen. Seine These lautet: das Gespräch und die Begegnung ist die Grundlage des menschlichen Seins, d.h. dass sich der Mensch erst durch einen Anderen erlebt, erfährt und spürt. Erst durch einen Anderen stellt er einen Bezug zu sich selbst her. Menschsein heißt immer das gegenüber seiende Wesen sein. Leben, so Buber, ist zu verstehen als ein Angesprochenwerden und als ein Antworten, als ein Ansprechen und ein Antwortempfangen. Der Mensch wird an einem Du zum Ich. Das heißt: Das ‚Zwischen‘ bringt Eigenschaften oder Verhaltensweisen hervor, die in beiden Partnern nicht liegen bzw. nur durch den jeweiligen Anderen.

Dialogizität ist also zu verstehen als ein Aufeinanderbezogensein, mittels dessen sich ein Mensch seiner selbst bewusst wird. Dialogizität als dynamische, konkretisierte Wechselwirkung und Selbsthervorbringung des Menschen bildet die Voraussetzung zur Soziabilität. Unter Dialogizität ist – unabhängig vom Dialog als Voraussetzung jeder Gesellschaftlichkeit – auch eine grundsätzliche Haltung der Offenheit des Menschen für den anderen zu verstehen. Denn, so Hans Georg Gadamer (1900-2002) „ohne miteinander zu reden und ohne einander zu verstehen und ohne einander auch ohne logisch schlüssige Argumentationen zu verstehen, würde es keine menschliche Gesellschaft geben“. Insofern geht der ‚eigentliche‘ Dialog über das bloße Gespräch als Mitteilung und Informations- oder Meinungsaustausch hinaus. Dazu sagt Gadamer: „Etwas ist für uns ein Gespräch gewesen, was etwas in uns hinterlassen hat. Nicht dies, dass wir da etwas Neues erfahren haben, machte das Gespräch zu einem Gespräch, sondern dass uns im anderen etwas begegnet ist, was uns in unserer eigenen Welterfahrung so noch nicht begegnet war. (…) Gespräch hat eine verwandelnde Kraft.“

Als Merkmale einer Dialog-Ethik können somit ermittelt werden:

  • Ein ethisch orientierter Dialog ist einer, in dem jeder der Partner den anderen, auch wo er in einem Gegensatz zu ihm steht, als diesen existenten Partner wahrnimmt, bejaht und bestätigt; nur so kann ein möglicher Gegensatz zwar gewiss nicht aus der Welt geschafft, aber menschlich ausgetragen und der Überwindung zugeführt werden.
  • Die Wirklichkeit des Anderen ist anzuerkennen.
  • Dominanzenthaltung (Denn: Der Andere könnte Recht haben.)
  • Aus dem Dialog ergeben sich (neue) Einsichten, Erkenntnisse, Ideen, die nicht durch die einzelnen Dialogteilnehmer begründbar sind.
  • Konstituierung von Selbstbewusstsein und Subjektivität beruht auf der Konstituierung von Intersubjektivität, d.h. auf der Anerkennung der anderen Menschen.

DSC_0207Nutzen und Sinn der Dialogethik wurden übrigens im Rahmen eines PhiloBrunch mit dem Titel „Platon und das gute Leben – Ethisch handeln in der digitalen Welt“ (23. April 2016) weitergehend erörtert. Der Referent und Autor dieses Beitrags, Dr. Andreas Belwe, ist Dozent im ETHIKUM und Gründer einer philosophischen und wissenschaftlichen Unternehmensberatung. Wie er sagt, haben die bereits von Platon aufgeworfenen existentiellen Fragen bis heute Relevanz: „Wie soll ich leben? Wie kann ich richtig handeln? Wie gestalte ich ein gutes Leben? Wo finde ich Orientierung?“ Diese Fragen erhalten besondere Brisanz im Angesicht einer zunehmend digitalisierten Umwelt. Die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine hat eine neue Dimension bekommen: Denken, Fühlen, Kommunizieren und Handeln werden davon beeinflusst. Das wirft die Frage nach den ‚digitalen Nebenwirkungen‘ auf, wie Andreas Belwe das formuliert, und zwingt uns damit unweigerlich zur Reflexion und Bewusstmachung, wenn wir die Herausforderung Platons annehmen wollen: das ‚gute Leben‘ aktiv zu verwirklichen. Die Teilnehmer diskutierten bei einem ausgiebigen Lunch im kleinen Kreis, inwiefern die von Andreas Belwe vorgestellte Dialogethik einen Orientierungsrahmen für das richtige Handeln im Sinne Platons geben kann. Im Zuge seines Vortrags zitierte der Referent unter anderem Hermann Hesse, genauer gesagt die Worte des Fährmanns aus Siddharta, der über das ‚Zuhören‘ spricht – ein schönes Schlusswort für diesen Beitrag zur Ethik des Dialogs, wie wir finden:

„Das Lauschen mit stillem Herzen, mit wartender, geöffneter Seele, ohne Leidenschaft, ohne Wunsch, ohne Urteil, ohne Meinung.“

 

Autoren: Andreas Belwe und Angela Poech   

 


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