„Ethical Literacy“ – wie treffend im Englischen, wie unübersetzbar ins Deutsche! „Literacy“, das bedeutet, die Grundlagen des Lesens, Schreibens und Rechnens zu beherrschen, „alphabetisiert zu sein“ und von daher fähig, sich im täglichen Leben zurechtzufinden. „Ethical Literacy“ ist also etwas wie „ethische Bildung“ oder auch „ethische Kompetenz“ (sowohl der Prozess als auch das Ergebnis). Insofern macht der Untertitel des Buchs von Nahal Jafroudi (Rethinking the Human Person, Peter Lang 2016) erst einmal neugierig: „Moral Landscape and Ethical Literacy“ – etwa ein Handbuch für die Definition ethischer Kompetenzen, gar eine Anleitung für Schulen oder Lehrer, wie diese erworben werden kann?

Wer mit dieser Erwartung das Buch zur Hand nimmt, wird wohl ein bisschen enttäuscht werden. Wer aber trotzdem nicht lockerlässt und sich durch das zugegeben auf sehr hohem Niveau geschriebene englischsprachige Werk arbeitet, der wird auf unerwartete Weise belohnt: Nahal Jafroudi, wissenschaftliche Mitarbeiterin am King’s College der University of London, stellt hierin die These auf, dass – vor dem Hintergrund der bekannten Tatsache, dass zwischen dem, was unser Gewissen uns sagt, was wir tun sollen, und dem, was wir wirklich tun, ein himmelweiter Unterschied liegt, der maßgeblich für viele Probleme unserer Zeit verantwortlich ist – die tieferliegende Ursache darin liegt, dass wir von verzerrten Vorstellungen in Hinblick auf die Natur unseres Selbst ausgehen.

Paradigmen des Selbst

Um das zu belegen, geht sie auf drei große westliche Denker ein, Descartes, Hume und Freud, und beschreibt deren Menschenbild bzw. Auffassung von der menschlichen Natur. Schließlich stellt sie den vierten Denker im Bunde dar, Nur Ali Elahi (oder Ostad Elahi), dessen metaphysische Grundlagen ihren Worten zufolge den neuplatonischen Traditionen folgen, wonach die eigentliche Wahrheit des Selbst seine spirituelle Dimension ist. Es folgt eine ausführliche Beschreibung des Gedankenguts von Ostad Elahi und – weil aus dem Iran stammend und daher wohl im Westen eher unbekannt – ein biografischer Teil. Im Schlusskapitel begründet die Autorin, inwiefern die jeweiligen Annahmen von Descartes, Hume und Freud ungeeignet sind, um darauf eine Theorie zur Ethical Literacy aufzubauen (S. 243):

Accordingly, the investigation of the Cartesian, Humean and the Freudian model of the self, evolving from a de-socialised self prone to egocentricity, to a fictional one lacking in moral responsibility and on a fragmented self lacking in metaphysical direction, illustrates a moral horizon, that is fundamentally egoistic and narcissistic in nature. 

Erkenntnisse aus der Bewusstseinsforschung: Bidimensionales Selbst

Unter anderem werden diesen Menschenbildern Erkenntnisse aus der Quantentheorie gegenübergestellt, die kein klares Entweder/Oder des Begriffspaars Materie/Energie kennen. Daraus ergeben sich ihrer Meinung nach deutliche Hinweise auf die bidimensionale Natur des Menschen, der neben dem Körper über eine Seele verfügt – in der modernen Wissenschaft wird von Bewusstsein gesprochen. Legt man nun ein ganzheitliches – wie das von Ostad Elahi dargestellte – Konzept des Selbst zugrunde, werden die geeigneten Grundlagen erst geschaffen, die man braucht, um eine Theorie zur Ethical Literacy entwickeln zu können (S. 296):

Ostad Elahi advocates a model of the self, which by finding its origin in the Divine, and endowed with the capacity to reflect upon and evaluate its thoughts, feelings and actions, is the locus of responsibility and moral accountability. […] Ostad Elahi views the world as a field […], where one’s ethical and religious principles can be tested in order to facilitate the gradual advancement of the self through the various stages of its process of spiritual perfection.

Grundlagen einer Ethical Literacy

Durch ihre Begründung einer ganzheitlichen Konzeption des Selbst sei es nun möglich, so Nahal Jafroudi in ihrem Schlusswort, auf empirischer Basis „das pädagogische und curriculare Rahmenwerk für ethische Bildung“ (S. 297) aufzuzeichnen – ein Projekt, das noch aussteht. Nichtsdestotrotz finden sich bereits tragfähige konzeptionelle Ansätze im ersten Teil des Buchs (S. 6; S. 40f.), die ein gutes Grundverständnis der Ethical Literacy liefern:

  • Ethische Bildung erfordert demnach ein positives Verständnis davon, was es bedeutet, Mensch [menschlich] zu sein, unabhängig von Zeit, Ort oder Kultur.
  • Eine ethisch gebildete Person versteht die grundlegenden Prinzipien des moralischen Denkens, sie ist in der Lage moralische Fragestellungen und Dilemmata zu hinterfragen bzw. zu analysieren und vor allem sich auf moralisch angemessene Weise zu verhalten.
  • Der Zweck ethischer Bildung ist, das Leben durch ethische Linsen zu betrachten und dies in drei Bereichen: Wissen (Konzepte, Theorien, Sprache), Fähigkeiten (Argumentation, (Selbst-)Reflexion, Dialogführung), Tugenden (u.a. Weisheit, Fairness, Ehrlichkeit, Mut, Toleranz, Empathie und Mitgefühl).

Universalitas und Ratio: Goldene Regel

Indem im Rahmen des Konzepts von Rechten und Pflichten auf die Goldene Regel eingegangen wird, macht die Autorin deutlich, dass die Anwendung derselben (S. 28ff.) eine gewisse Reife im moralischen Sinne voraussetzt – darauf verweist auch das Kapitel zur gesunden Vernunft, die im selben Zug entwickelt werden müsse, um ethische Fragestellungen besser einschätzen zu können und das Handeln entsprechend der eigenen Urteile ausrichten zu können. Die Goldene Regel sei ein gelungenes Beispiel einer universalen, allgemeingültigen Norm, die auf der Grundlage von Mitgefühl, Empathie und der Fähigkeit zum Perspektivenwechsel im Alltag eine gute Grundorientierung für das Handeln geben kann – unabhängig vom Niveau der Bildung, die der Betreffende durchlaufen hat. An diesem konkreten Beispiel zeigt Nahal Jafroudi auf, dass ein Hauptaspekt der Ethical Literacy auf der Universalität der zugrundeliegenden Prinzipien sowie auf der grundsätzlich rationalen Herangehensweise liegen sollte – beides übrigens wichtige Elemente im Selbstverständnis von Ethica Rationalis, weswegen es uns ein besonderes Anliegen war, dieses Buch vorzustellen.

Autorin: Evelyn Bernhard


Dieser Artikel ist verschlagwortet mit: , ,

Artikel weiterempfehlen Artikel weiterempfehlen