Neidisch? Sind immer nur die Anderen!

Martin und Andrea kennen sich schon seit der Schulzeit. Andrea hatte von jeher ein natürliches Gespür, mit Menschen umzugehen. Sie war überall beliebt, was sich auch darin zeigte, dass sie über Jahre das Amt der Klassensprecherin innehatte. Martin hat darunter stets gelitten, ohne es sich einzugestehen: Er selbst ist eher schüchtern und zurückhaltend und hat nur einen einzigen wirklich guten Freund, außerhalb der Schule, in der Nachbarschaft. In die Klassengemeinschaft fühlte er sich nie so richtig integriert. Nach der Abschlussprüfung diskutierten die ehemaligen Mitschüler, welchen Ausbildungsweg sie wählen würden. Martin erzählte von seinem Entschluss, Architektur zu studieren… Einige Wochen später erfährt er, dass Andrea sich für denselben Studiengang interessiert. Sie kontaktiert ihn, um sich von Martin Tipps zu Aufbau und Ablauf des Studiums geben zu lassen. Doch Martin hält sich zurück – diese Entscheidung sollte „seine“ Entscheidung sein; er ist unglücklich darüber, dass Andrea ihn „imitieren“ möchte. Die Tatsache, dass die beliebte Andrea nun auch noch Unterstützung von ihm wünscht, ist einfach zu viel für ihn… Er bricht den Kontakt ab… Erst viel später erkennt er, dass er in diesem Moment unter einer massiven Neid-Attacke litt, die sich über viele Jahre in der Klassengemeinschaft aufgebaut hatte.

Ein anderer Fall, aus einer anderen Perspektive: Eine Kollegin arbeitet in einem großen Industrieunternehmen – sehr erfolgreich. Innerhalb von ein paar Jahren ist sie in eine Führungsposition aufgestiegen und hat zudem nebenberuflich ihre Doktorarbeit im Fach Ökonomie verfasst. Dies alles in einem Unternehmen, in dem normalerweise Ingenieure (und damit vor allem Männer) das Sagen haben. Sie berichtet nun, dass sie seit geraumer Zeit massiven Angriffen eines Kollegen ausgesetzt ist, der bewusst Gerüchte verbreitet, sie provoziert und ihr ansonsten generell das Leben schwer macht. Ein Kollege, dem sie zunächst nicht aus dem Weg gehen konnte, so dass sie gezwungen war, eine Möglichkeit zu finden, mit der Situation zurechtzukommen. Weil sie sich selbst mit dem Thema Neid (in sich selbst) auseinandergesetzt hatte, begriff sie schnell, dass es um Neid geht – er hatte ihren schnellen Aufstieg kritisch beobachtet und obwohl er selbst von der Gehaltsstruktur her von Anbeginn an höher eingestuft war, musste sie sich nun diesbezüglich spitze Bemerkungen gefallen lassen. Sie hatte Glück: Sie wurde kurz darauf in eine andere Abteilung versetzt, Kontakte finden nur noch sporadisch statt.

Was aber, wenn wir in eine solche Situation kommen und ihr nicht ent-kommen können? Wie gehen wir mit Neid im Alltag um? Mit dem Neid, den andere uns entgegenbringen – vor allem aber mit dem Neid in unserem eigenen Herzen? Im vorliegenden Beitrag wollen wir dieses Phänomen beleuchten, indem wir

  • in Teil 1: Entstehungsgründe und Symptome erörtern, wie Neid entsteht, was die verschiedenen Intensitätsstufen von Neid bis hin zur Missgunst sind und wie man Neidgefühle in sich erkennen kann;
  • im demnächst folgenden Teil 2: Therapie und Linderung die Fragen in den Mittelpunkt stellen, wie wir innerlich gegen Neidgefühle ankämpfen können, wie wir unser Verhalten beeinflussen können, um den Neid zu mindern, und ob im Neid nicht auch ein positiver Aspekt stecken könnte.

 

Wie entsteht Neid?

Will man folglich näher definieren, was Neid eigentlich ist und wie man damit umgehen kann, muss man in zweierlei Perspektiven antworten: Aus der Sicht des Neiders und aus der Sicht des Beneideten. Um die Entstehungsgründe von Neid zu verstehen, genügt als erster Anhaltspunkt die Frage, was die psychologischen Mechanismen für diese starke Emotion sind, der so ziemlich jeder von uns früher oder später ausgesetzt ist? In der Theorie der sozialen Vergleichsprozesse (Festinger 1954; zitiert in Frey und Irle 2001) wird das folgendermaßen erklärt: Menschen verspüren das Bedürfnis, eigene Meinungen und Fähigkeiten zu bewerten. Um zu einer solchen Bewertung zu gelangen, vergleichen sie sich mit anderen Personen. Das ist eine grundsätzliche Veranlagung im Menschen, so dass wir eigentlich nicht nicht vergleichen können. Der Vergleich findet dabei in Hinblick auf relevante Attribute statt, das bedeutet, wir vergleichen uns in Dimensionen, die für unser Selbstbild prägend und ausschlaggebend sind. Eine Studentin vergleicht sich daher eher mit ihrer Kommilitonin als mit ihrer Professorin, ein Angestellter eher mit einem Kollegen als dem Firmenchef, ein Fußballprofi eher mit seinem Mannschaftskollegen als seinem Physiotherapeuten.

 

Vom Neid zur Missgunst – die verschiedenen Stufen einer Emotion

Der Neid beginnt nun dort, wo man denkt, das Gegenüber sei besser dran als man selbst – die Studentin beneidet die Kommilitonin um ihre Prüfungserfolge, der Angestellte den ehemaligen Teamkollegen um seine Beförderung, der Fußballprofi den Kapitän um sein Ansehen bei den Fans. In der ersten, mildesten Stufe ist Neid das Gefühl des Mangels: „Das möchte ich auch haben!“ Es geht also um ein Bedürfnis, ein Verlangen in uns. Ohne dieses Verlangen führt die Tatsache, dass wir uns vergleichen, noch nicht zu Neid (sondern zu Wetteifern, aber darüber später mehr). Im zweiten Stadium bereitet es uns Schmerzen zu sehen, dass andere Annehmlichkeiten oder Vorrechte genießen, über die wir selbst verfügen, die wir ihnen aber nicht gönnen. Auf dieser Stufe, die man mit den Worten umschreiben könnte: „Ich will nicht, dass der andere es (auch) hat!“ beginnt die Missgunst – das ist der Fall mit Martin, der nicht möchte, dass Andrea ebenfalls Architektur studiert. Die am stärksten ausgeprägte Stufe an Missgunst ist nun, wenn jemand sogar bereit ist, auf einen persönlichen Vorteil zu verzichten, nur damit ein anderer nicht in den Genuss dieses Vorteils kommt: „Ich bin bereit, es zu verlieren, nur damit der andere es nicht haben kann!“ In dem kleinen Büchlein von Guernier und Rousseau (2006) gibt es hierzu das Beispiel eines Kampfsportlers, der voller Neid auf einen neu hinzugekommenen Kollegen schaut, der sich sehr gut zu entwickeln scheint. Auf das Angebot des Trainers, zusammen zu trainieren, verzichtet er. Er nimmt lieber in Kauf, sein eigenes Fortkommen zu gefährden als jenem beneidenswert begabten Mitsportler eine Chance auf Entfaltung zu ermöglichen!

 

Wie kann man Neidgefühle in sich erkennen?

Neid ist ein sozial geächtetes Gefühl – in der Regel schämt man sich, wenn man es in sich entdeckt, denn es zeigt uns, dass wir uns im Vergleich zu anderen als ‚ungenügend’ empfinden. Es ist eine Bedrohung für den Selbstwert, ein „beschämendes Versagen“ (Haubl 2009), eine tiefe Diskrepanz zwischen dem idealen und dem realen Selbst. Aus diesem Grund ist es eine Emotion, die nicht so leicht zu erkennen ist. Lelord und André (2006) unterscheiden zwischen „depressivem“ und „feindseligem Neid“: Im depressiven Zustand leidet man (innerlich), aber findet sich mit der Situation ab. Gefühle von Trauer, Vergeblichkeit und Ungerechtigkeit beherrschen uns, ohne dass wir diesem Neid nach außen Ausdruck verleihen (und oft ohne, dass wir die tiefere Ursache dieser negativen Empfindungen erkennen).

Feindseliger Neid hingegen geht mit aggressiven Emotionen (Groll, Ressentiments) einher. Der Betreffende versucht aktiv, den Beneideten um seinen Vorzug zu bringen, z.B. durch bewusste Weitergabe von Falschinformationen, durch üble Nachrede oder durch Mittel wie Intrige und Betrug. Ein wichtiger Mechanismus und ein für den Betreffenden gut erkennbares Symptom ist das Herabsetzen der beneideten Person: „Der geplante Urlaub von XY in Fernost wird bestimmt sehr stressig, ich hingegen erhole mich lieber in den Bergen!“ – „Die Beförderung hat er nur bekommen, weil er sich so beim Chef eingeschmeichelt hat, ich bin mehr der ehrliche Typ.“ Und natürlich die Schadenfreude: Setzt der jüngst vor unseren neidischen Augen beförderte Kollege das erste Projekt gleich in den Sand, erfüllt uns eine tiefe Befriedigung…

Lesen Sie im nächsten Beitrag Neid (Teil 2): Therapie und Linderung, wie wir innerlich gegen Neidgefühle ankämpfen können, wie wir unser Verhalten beeinflussen können, um den Neid zu mindern, und ob im Neid nicht auch ein positiver Aspekt stecken könnte. 

Autor: Das Redaktionsteam

 

Quellen:

Decher, F.: Das gelbe Monster. Neid als philosophisches Problem, Zu Klampen 2005

Frey, D., Irle, M.: Theorien der Sozialpsychologie, Band 1, Hans Huber 2001

Guernier, B., Rousseau, A.: Overcoming Jealousy, Paraview 2006

Haubl, R.: Neidisch sind immer nur die anderen. Über die Unfähigkeit, zufrieden zu sein, Beck 2009

Lelord, F., André C.: Die Macht der Emotionen, Piper 2006 

Bildnachweis: © puentes – Fotolia.com


Dieser Artikel ist verschlagwortet mit: , ,

Artikel weiterempfehlen Artikel weiterempfehlen