Mit dem Szenario eines Chefs, der Reisekosten falsch abrechnet, haben wir einen Nerv getroffen: Die Fallstudie wurde nicht nur auf unserer Webseite positiv aufgenommen, sondern zudem im Rahmen von diversen Veranstaltungen rege diskutiert. Wir fassen hier für unsere Leser die Ergebnisse der Befragung zusammen (123 Teilnehmer; Stand 11. März 2018; ein Voting ist nach wie vor möglich!) und geben die zentralen Aussagen und Gedanken aus der mündlichen Diskussion wider – ohne Anspruch auf Richtigkeit im Sinne einer „Musterlösung“, die für jeden Fall und jede Person anwendbar wäre.

  • Immerhin mehr als 40% der Befragten empfiehlt Cornelia, mit ihrem Chef zu sprechen und ihm zu sagen, dass sein Verhalten nicht korrekt ist. An seinem Vorgesetzten Kritik zu üben, wird als grundsätzlich schwierig angesehen, denn der Vorgesetzte „wird nicht erfreut sein, wenn ich ihm einen Fehler vorhalte“. Noch dazu wird er damit erpressbar, denn die Mitarbeiterin weiß nun etwas über ihn, was möglicherweise andere nicht wissen.
  • 4% gaben an, dass es besser wäre, den Arbeitsplatz zu wechseln. Hier war die Frage: „Ist es nicht problematisch, wenn ich, ohne Gründe anzugeben, die Abteilung wechsle, dann aber nach einiger Zeit rauskommt, dass ausgerechnet bei diesem Chef die Fluktuation sehr hoch ist?“ Eine mögliche Antwort könnte sein, dass es immer noch besser ist, durch den Wechsel auf das Problem indirekt hinzuweisen als einfach stillschweigend weiter mitzumachen.  
  • Eine Frage, die die Teilnehmer in den Diskussionen bewegt hat, war: „Muss ich etwas sagen, auch wenn ich weiß, dass ich mir damit schade? Denn wenn ich meinen Chef darauf anspreche, wird der sich mir gegenüber in Zukunft sicher nicht mehr fair verhalten; vielleicht muss ich sogar Repressalien fürchten?“ Dieser Aspekt ist verknüpft mit der Frage, ob man denn überhaupt handeln muss? Da ergibt sich ein sehr klares Bild: „Cornelia sollte nichts tun, denn sie trifft ja keine Schuld“ finden nur 2% eine Option.
  • Die Befragten hielten zudem folgenden Sachverhalt für erörterbar: „Mache ich mich eigentlich schuldig, wenn ich mich zum Essen einladen lasse – auch ohne dass ich Mitwisserin bin?“ Ganz anders verhält es sich, wenn man weiß, dass der Chef die Reisekostenabteilung betrügt und wenn man sich dennoch einladen lässt – das wird klar als ein ethisches Fehlverhalten betrachtet.
  • Wozu aber kann das komische Gefühl, etwas Falsches getan zu haben (obwohl ich nicht verantwortlich bin) gut sein? Weil ich in Zukunft etwas ändern kann. Es geht also eher darum zu sagen: „Ok, bisher wusste ich das nicht, aber jetzt, wo ich es weiß, wie muss ich damit umgehen?“ Da zeigt die Antwortstruktur, dass 37% der Antwortenden dem bisherigen Prozedere eine Absage erteilen und sich in Zukunft nicht mehr einladen lassen möchte. Wie das konkret umgesetzt wird, das ist natürlich nicht unproblematisch… irgendeine Begründung (Diät) oder ein entsprechendes Verhalten (Mittagessen meiden) vielleicht in Form einer Notlüge wird wohl unumgänglich sein, will man den Chef nicht vor den Kopf stoßen.
  • Interessant war in diesem Zusammenhang auch die Aussage einer Teilnehmerin, die berichtet, dass sie sich in die Lage von Cornelia versetzt habe und dabei deutlich wahrnehmen konnte, dass sie sich missbraucht fühlen würde, da sie benutzt wurde, damit ihr Chef sich einen finanziellen Vorteil verschaffen konnte. Das zeigt, wie subtil und zugleich engmaschig die Ethik mit der Psychologie unseres Wesens verknüpft ist, und dass wir verschiedene Blickwinkel benötigen, um zu einem fundierten Urteil und einer fundierten Entscheidung zu kommen.
  • Einfacher gestaltet es sich, wenn als Variation angenommen wird, dass es eine Compliance-Abteilung im Unternehmen gibt, wo anonym der Vorgang gemeldet werden kann. In dem Falle gaben die Teilnehmer in der anschließenden Diskussion an, dass man eigentlich verpflichtet sei zu handeln – weil man selbst keinen Schaden davontrage, sehr wohl aber Schaden vom Unternehmen abwenden könne.

Die Antworten zeigen alles in allem, dass es verschiedene Lösungswege gibt – einige davon wurden offensichtlich nicht genannt, denn immerhin 4% der Befragten wollten keiner der vorgegebenen Antworten zustimmen. Jeder ist mit einem ganz individuellen Gewissen ausgestattet, abhängig von seiner Erziehung, Gedankenschulung und Sozialisation – und jeder von uns hat ein anderes Temperament. Schließlich sind nur 4% so mutig, es der Personalabteilung zu melden, aber immerhin fast jeder Zweite der Teilnehmer der Umfrage würde sich wohl selbst trauen, mit dem Vorgesetzten zu reden. Das zeigt, dass viele von den Umfrageteilnehmern von einem grundsätzlichen Vertrauensverhältnis zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern ausgehen, in dem man auch kritische Themen durchaus ansprechen kann – ein sehr schönes Nebenergebnis dieser Umfrage!


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