Zum ersten Mal stand für Interessierte die Teilnahme am „Ethica Salon“ in der gemütlichen Clubatmosphäre des Internationalen Begegnungszentrums der Wirtschaft (IBZ) in München offen. Mit diesem Format bietet Ethica Rationalis ein Forum für den Gedankenaustausch zwischen Gleichgesinnten: Unsere Gedanken werden angespornt, unser Geist fühlt sich angeregt, unser Gefühl wird positiv eingestimmt durch die Begegnung mit besonderen Menschen… Menschen, die immer einen Schritt vorangehen und in ihrem Umfeld Spuren der Wertschätzung hinterlassen. Wie bei einem Afternoon Tea mit vielen kleinen süßen und salzigen Köstlichkeiten und einer gemütlichen Tasse Tee gewähren wir uns eine Auszeit, in der wir die Welt und ihre Sorgen draußen lassen und uns um das kümmern, was in unserem Leben wirklich zählt. Es ist dieses Sich-Erinnern an die eigentliche Wertigkeit des Zusammenlebens – Mitgefühl, soziales Engagement, Toleranz –, das uns hilft, im Alltag unseren Überzeugungen treu zu bleiben. Vorbildhafte Menschen zeigen uns, wie sie es schaffen, ihrer Umwelt im positiven Sinne ihren Stempel aufzudrücken und eine Mikroumgebung zu schaffen, in der man respektvoll und liebenswürdig miteinander umgeht. Solchen Menschen geben wir im Ethica Salon Raum – um zu erzählen, auf Fragen der Teilnehmer zu antworten und gemeinsam zu diskutieren.

Politik und Ethik – wie geht das zusammen?

Bei diesem Treffen stand das Thema Politik und Ethik im Mittelpunkt. Ethica Rationalis hatte Karl Freller eingeladen, der bewegende Erfahrungen aus seinem Leben als Politiker eindrucksvoll schilderte. Der stellvertretende Vorsitzende der CSU-Landtagsfraktion erzählte von Dilemmata zwischen Ethik und politischer Macht: Politik ist von pluralistischen, konfliktären Meinungen geprägt, was eine vollkommene Übereinstimmung aller Parteien unmöglich macht. Daher gelte es einen Konsens zu finden, denn um politisch mitbestimmen zu können, müssen Koalitionen gebildet werden, wobei Kompromisse unabdingbar sind. Aus diesem Grund bilden Kompromisse einen „roten Faden durch das Leben“ des ehemaligen Staatssekretärs. Auch wenn jeder Kompromiss für ihn einen Konflikt darstellt, da er unmittelbar zur Nichterreichung eines Ziels führt, sind Kompromisse für ihn essentiell. Denn sie sind die Basis zur Erreichung größerer oder wichtigerer Ziele. Aber bei jedem Kompromiss sei dem Politiker (und ausgebildeten Religionslehrer) wichtig, dass er mit einem reinen Gewissen herausgeht. So habe er während seiner politischen Laufbahn immer wieder einzelne Beschlüsse seiner Partei nicht mitgetragen.

Die Haltung macht den Unterschied

Aufgrund seiner hohen Moral war er als Staatssekretär sehr geschätzt, musste aber immer wieder schwierige Situationen meistern. Dadurch, dass er „immer menschlich gehandelt hat“ und vorlebte, dass jeder Mensch gleich wichtig ist, führte sein Verhalten trotz der großen Vorteile für Einzelne zu formaler Inkorrektheit, was Konflikte zur Folge hatte. So hat der Mittelfranke die Erfahrung gemacht: „Jede gute Tat rächt sich“. Statt zu resignieren, ist er jedoch idealistisch und aktiv geblieben. So übernimmt er z.B. für die Vergangenheit unseres Landes Verantwortung, indem er als Direktor für die KZ-Gedenkstätten Dachau und Flossenbürg tätig ist. Genauso liegt ihm die Unterstützung junger Menschen, die sich für die Politik engagieren, sehr am Herzen. Denn „Demokratie bleibt nur erhalten wenn sich anständige Menschen engagieren“. Sonst sehe er die Gefahr, dass die „schlechten“ zu viel Macht bekommen. So appellierte er – auch gerade vor dem Hintergrund der Wahlen in Frankreich – auf jeden Fall wählen zu gehen, denn bei einer Wahlbeteiligung von unter 50% wiegt die Stimme einer radikalgesinnten Person doppelt so viel. Aus diesem Grund mahnte er: „Wer nicht wählt, überlässt Radikalen die Macht“.

Demokratie basiert auf vernünftigem Handeln

Vor diesem Hintergrund wurde das Engagement der jungen Generation kontrovers diskutiert. Während ein Gast die Erfahrung gemacht hat, dass eine Politikverdrossenheit bei den heute 20- bis 35- Jährigen vorliege, nannte ein anderer Teilnehmer die Verkürzung der Schulzeit und die fehlende Kontinuität als Ursache. Auch wurde der Rückgang des ehrenamtlichen Engagements mit Besorgnis gesehen. Hierin waren sich alle Teilnehmer einig: Das Ehrenamt scheint für die „Generation Y“ nicht mehr so attraktiv zu sein und viele Arbeitgeber behindern die Ausübung eines Ehrenamts durch wenig entgegengebrachte Flexibilität und Verständnis. Ein Mitglied dieser Generation Y schilderte allerdings eine entgegengesetzte Wahrnehmung: In ihrem Bekanntenkreis engagieren sich viele Gleichaltrige für ihr gesellschaftliches Umfeld. Eine Teilnehmerin, die Unternehmerin ist, hingegen berichtete von ihrer Erfahrung, dass junge Menschen aus anderen nicht-demokratischen Ländern die Demokratie mehr wertschätzen und eher bereit sind, sich für sie einzusetzen. Auch gaben mehrere Teilnehmer an, dass es der deutschen Jugend zu gut gehe. Der Referent Herr Freller unterstrich diese Wahrnehmung, in dem er zwei Sätze aus zwei verschiedenen französischen Wörterbüchern vorlas: Im aktuellen Wörterbuch befindet sich die Übersetzung für: „Gibt es hier W-LAN?“. In einem Wörterbuch vor 75 Jahren für deutsche Soldaten befand sich hingegen die französische Übersetzung für: „Sage meinen Eltern, dass ich nicht überleben werde.“ Insgesamt waren sich alle einig, die jungen Menschen sollten für gesellschaftliches Engagement begeistert werden und ihnen sollte klargemacht werden, dass unsere Demokratie nicht selbstverständlich ist und dass das verantwortungsvolle Handeln der Bürger die notwendige Basis dafür bildet. Die Quintessenz aller Teilnehmer war, dass die Schule ein wichtiges Instrument ist, um auf die Haltung der jungen Menschen einzuwirken, die Hauptverantwortung aber bei den Eltern liege, da die Erziehung durch das Elternhaus prägender sei.

Herr Freller seinerseits war von der lebendigen Diskussion begeistert. Er sagte, es sei heute selten, dass Themen so tiefgründig diskutiert werden, oft seien sie sehr oberflächlich und Gedanken können meist nicht bis zu Ende ausgeführt werden. Zur Überraschung aller führte folgendes Lob von Herrn Freller: Er freue sich, dass es „noch so geistreiche und inhaltsreiche Gespräche gibt, wo man nicht einmal aufs Handy schaut!“. Der Referent beendete seinen Vortrag mit den Worten: „Politiker sollten nicht zu Rhetorikseminaren gehen, sondern das Zuhören lernen.“ Damit sprach er den Teilnehmern aus dem Herzen und die Teilnehmer zeigten sich erstaunt, wie „menschlich“ Politiker sein können. Alle Teilnehmer waren von seinen Ausführungen begeistert und nahmen die Botschaft mit, dass Politik und Ethik doch zusammen passen können und dass man mit etwas politischem Engagement – und wenn es nur das Wählengehen ist – viel erreichen kann.

Autorin: Melissa Schulz


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