Zur Vorweihnachtszeit ist es Tradition, eine interessante Persönlichkeit zum Kamingespräch einzuladen. Dieses Mal haben wir mit Thomas Heymel von der Stiftung Pfennigparade über das Thema „Praktische Ethik und der Weg zur Inklusion“ diskutiert.

Thomas Heymel ist Diplom-Geograf und war mehrere Jahre in leitender Position in einem internationalen Industriekonzern tätig. Seit 2009 ist er Leiter des Corporate Development Bereichs der Münchner Stiftung Pfennigparade, eine der größten Organisationen zur Förderung von Menschen mit Körperbehinderungen. Ethica Rationalis kooperiert bereits seit mehreren Jahren mit Thomas Heymel und wir sind glücklich, dass wir einen Top-Manager dieses Formats für unsere Veranstaltung im Rahmen des ETHIKUM-Studiums gewinnen konnten.

Herr Heymel startete seinen Impulsvortrag zu Beginn des Diskussionsabends mit einer kurzen Erklärung, wie sein Weg ihn von der Konzernwelt in die Gemeinnützigkeit, also in eine soziale Organisation wie die Stiftung Pfennigparade, führte. Die Idee hinter dieser Organisation sei, nicht einfach eine „Beschäftigung“ für Behinderte zu finden, sondern eine sinnvolle Arbeit, die mit echter Wertschöpfung verbunden ist. Da sein Ziel sei, einen klareren Blick auf das Thema Inklusion zu gewährleisten, führte er zunächst in ein paar Zahlen ein: Knapp 10% der Menschen in Deutschland leben mit einer Behinderung (siehe Datenreport Inklusion der Bertelsmann Stiftung, 2014). Wie sie damit leben, das zeigte eine Folieexklusion-separation-integration-und-inklusion, in der er die Begriffe Exklusion, Separation, Integration und Inklusion erklärte.

Der Referent wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass –  was man kaum bedenke – die zunehmende Digitalisierung dazu führe, dass immer mehr Personen von diesem Prozess und damit von der Teilhabe an gesellschaftlichen Entwicklungen ausgeschlossen werden, weil Menschen mit körperlicher Behinderung bestimmte Techniken nicht bedienen können (z.B. Tasten auf dem Smartphone). Ein heiß diskutiertes Beispiel für Integration sei auch der Raum, der in der Fußballarena in Fröttmaning extra für Rollstuhlfahrer reserviert sei. „Da wird ein roter Teppich ausgefahren, es gibt Plätze in der ersten Reihe usw. – aber trotzdem sind sie als Gruppe wahrnehmbar. Ist es das, was sie wollen?!“, formulierte Herr Heymel bewusst provokant seine Frage an die Teilnehmer. Inklusion sei seiner Meinung nach idealerweise dann erreicht, „wenn man es auf den ersten Blick gar nicht merkt.“ Wie aber kommen wir an diesen Punkt? Wie schaffe ich als Einzelner Inklusion? Das bedürfe der „Anerkennung“! Wie aber bekommt man Anerkennung? Man kann sie ja nicht anordnen. Wie kommt man also da hin? Anerkennung sei etwas, was jeder von uns leisten, wo jeder sich selbst verantwortlich fühlen und jeder sich selbst einbringen muss. Nur dann werden Werte erreicht wie gleiche Rechte für alle, Selbstvertrauen, Würde usw. Hier brachten die Teilnehmer eigene Anregungen ein: An der eigenen Einstellung arbeiten („es ist normal verschieden zu sein“); behinderte Menschen genauso behandeln wie andere auch; aus einem Behindertenheim einen „Ort für alle“ machen, indem man z.B. einen Freizeitreff mit Billardtisch einrichtet; einen persönlichen Beitrag zur Inklusion leisten, und sei er noch so klein.

Herr Heymel

Am Schluss erzählte Thomas Heymel noch von Programmen, in denen Führungskräfte und behinderte Menschen zusammengebracht werden – mit dem Effekt, dass die Manager durch diese Begegnungen ehrliches Feedback erhalten, was in ihrem angestammten beruflichen Umfeld aufgrund kultureller Bedingungen nur begrenzt der Fall sei. Gleichzeitig gewinne der behinderte Mensch an Selbstwert, weil er Platz in der Wirtschaft, im „normalen Leben“ gefunden hat – also eine Win-Win Situation für alle Beteiligten.

Autoren: Frau Kaiser und Frau Poech


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