Im Rahmen des ETHIKUM wurde am 5. Februar 2016 in Kooperation mit Ethica Rationalis ein Workshop zur praktischen Ethik angeboten. Das Leitthema hieß: ‚Praktische Ethik im alltäglichen Handeln‘, wobei der erste Teil sich ganz allgemein auf den persönlichen Umgang mit anderen Menschen bezog, der zweite eine Arbeitssituation im Bankenkontext beleuchtete.

In Anklang an eine Artikelserie auf dieser Homepage (Von ethischen Werten zum ethischen Handeln) diskutierten die Teilnehmer zunächst, wie man Charaktereigenschaften in sich selbst identifizieren und ändern kann. Konkret wurde dies am Beispiel einer Person besprochen, die dazu neigt, sich leicht über andere zu ärgern, und die nun versucht, schrittweise mit diesem Ärger besser zurechtzukommen bzw. mehr Gelassenheit zu entwickeln. Einige Anregungen aus dem Teilnehmerkreis lauteten beispielsweise, seine Erwartungen an andere Menschen zu reduzieren oder sich bewusst auf positive Aspekte eines an sich ärgerlichen Ereignisses zu konzentrieren.

 

Anschließend stiegen die Teilnehmer, die zum größten Teil aus dem Studiengang „ETHIKUM Zertifikat“ stammten, in den ersten Übungsteil ein. Das Oberthema war direkt aus dem Leben gegriffen, weil es letztlich jeden von uns betrifft: die üble Nachrede. Laut Duden umfasst sie alle „unzutreffenden, meist abfälligen Äußerungen über jemanden, der nicht anwesend ist“; darunter fällt zum Beispiel „die Verbreitung einer beleidigenden und unzutreffenden Behauptung, die einem anderen Menschen schadet“. Die Referentin, Prof. Dr. Angela Poech, verantwortlich für das ETHIKUM Zertifikat der Hochschule München, erklärte, dass jedweder Prozess der Selbsterkenntnis in zwei Etappen angegangen werden könne: Zum einen gehe es darum, über ein ethisches Prinzip aktiv zu reflektieren, um sich für die praktische Umsetzung vorzubereiten (Methode der Autosuggestion). Zum anderen sei wichtig, einen Plan zu haben, wie sich die praktische Umsetzung des betreffenden ethischen Prinzips bei der ersten sich bietenden Gelegenheit in realen Alltagssituationen und in Kontakt mit anderen gestalten könnte (Methode der praktischen Umsetzung).

Anwendungsteil 1: Üble Nachrede

In zwei Gruppen erarbeiteten die Teilnehmer Antwort auf die Frage, a) welche Wirkungen die üble Nachrede auf die daran beteiligten Personen im engeren und weiteren Sinne hat; und b) wie man gegen üble Nachrede gemäß der oben genannten zweigeteilten Systematik angehen könne.

Die Ergebnisse lassen sich grob wie folgt zusammenfassen: Zu a) stellte die erste Gruppe fest, dass die üble Nachrede sich auf einen inneren und äußeren Kreis an Personen auswirkt. Oft folgt sie einem psychologischen Mechanismus der „Auf- und Abwertung“: Indem ich einen Dritten durch negative Bemerkungen abwerte, werte ich mich selbst auf. Negative Folgen für alle Beteiligten sind unter anderem Stereotypenbildung, Misstrauen, Isolation, Verletzung, Rachsucht und Rechtfertigungsbedürfnis.

Zu b) hatte die zweite Gruppe herausgefunden, dass für die Vorbereitungsphase wichtig ist, zu analysieren, wie die Nachrede eigentlich stattfindet (verbal/ nonverbal) und in welchen Situationen. Ein wichtiger Punkt sei, sich selbst zu fragen, was die tieferen Ursachen für das Schlechtreden seien, z.B. Wunsch nach Zugehörigkeit, schwacher Selbstwert oder auch die bewusste Absicht, dem anderen Schaden zuzufügen. Für die anschließende Stufe der praktischen Umsetzung zählt zunächst der feste Entschluss, nicht schlecht über andere zu sprechen, sowie ein genauer Plan zur praktischen Durchführung. Dies wurde von der Referentin noch ergänzt, die darauf hinwies, dass laut Portella (2010) der Schlüssel sei, zu schweigen, wo man eigentlich das Bedürfnis habe, sich zu äußern. Auch das Meiden gewisser Situationen (Kaffeeküche) könne hilfreich sein. Im besten Falle schaffe man es, über die Person, die zum Opfer der üblen Nachrede geworden ist, etwas Positives zu sagen. Je mehr man zudem lerne, die Charakterschwächen zu kontrollieren, die das Lästern befördern, desto mehr lässt mit der Zeit das Bedürfnis nach, sich über andere in negativer Weise auszutauschen.[1]

Anwendungsteil 2: Ethischer Konflikt in der Bankberatung

Im zweiten Teil des Workshops wurde ein Rollenspiel durchgeführt, das 2013 in Zusammenarbeit mit der GLS Bank entwickelt wurde. Die Teilnehmer müssen sich vorab anhand von Rollenanweisungen in ihre Rolle einfühlen und gehen dann in eine Echtzeit-Situation. Im konkreten Falle handelte es sich unter anderem um ein Bankberatungsgespräch, in dem inhärent widersprüchliche Interessenlagen angelegt sind, so dass es bei den Beteiligten unweigerlich zu ethischen Konflikten kommen muss. Die Art, wie mit diesen Konflikten in der Kommunikation umgegangen wird, stellt die eigentliche Herausforderung dar. Die ETHIKUM Studenten konnten hier ein weiteres Mal zeigen, welche außergewöhnlichen ethischen und sozialen Kompetenzen sie in den ca. zwei Jahren ihrer ETHIKUM-Ausbildung an der Hochschule München erworben haben.

Als Fazit schloss die Referentin mit dem Hinweis, dass die Arbeit an sich selbst und an den eigenen Tugenden stets ein Weg zu mehr persönlichem Lebensglück bedeute – darauf hätten schon die antiken Philosophen hingewiesen.

[1] Angela Portella, Petit Manuel de l’Éthique au quotidien, Studyrama 2010

Autorin: Angela Poech


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