Man könnte denken, dass die Lehren der „alten“ Philosophen herzlich wenig mit unserem heutigen Leben zu tun haben, sie sind schliesslich schon über 2000 Jahre alt. Der Philobrunch mit Julia Kalmund, Gründerin von Street Philosophy, der sich dem Thema ‚Stoizismus für den Alltag‘ widmete, bot den Teilnehmern eine Gelegenheit sich mit dem Denken und den Maximen der Stoiker zu befassen. Es wurde schnell deutlich wie aktuell der stoische Ansatz immer noch ist und, dass er den Menschen gerade in der heutigen Zeit ein wertvolles Instrument sein kann, um mit den Schwierigkeiten des Lebens besser fertig zu werden.

Frau Kalmund hat daran erinnert, dass der Anspruch der Philosophie  schon in der Antike eine praktische war, wie es Musonius Rufus, ein römischer Stoiker, betonte: „Philosophie rechtfertigt sich dann, wenn man vernünftige Lehren mit vernünftigen Handlungsweisen verknüpft.“  Epiktet, einer der Hauptvertreter des Stoizismus meinte sogar: „Aber was ist Philosophie? Bedeutet sie nicht, uns auf alles, was kommt vorzubereiten?“

Der Begriff Stoiker geht  auf den griechischen Begriff „Stoa“ zurück – das griechische Wort für Vorhalle oder Säulengang. In der Vorhalle der Agora in Athen hat  Zenon von Kition um 300 v. Christi seine Lehrtätigkeit aufgenommen und eine Schule gegründet, die nach der Stoa benannt wurde. 100 Jahre später kam der Stoizismus nach Rom und wurde wesentlich praxisorientierter. Die drei bekanntesten Vertreter der stoischen Schule in Rom waren Epiktet, Seneca und Marc Aurel. Auf  ihren Lehren und Maximen basierten die Ausführungen von Frau Kalmund.

Stoizismus ist nicht nur eine dynamische, handelsorientierte Philosophie, sie betont immer wieder, dass nur derjenige ein gutes Leben führen kann, der tugendhaft ist, und ethisch handelt.

Stoizismus ist leider ‚aus der Mode‘ gekommen, weil er fälschlicherweise mit Askese und Entsagung gleichgesetzt wird. ‚Askêsis‘ auf Griechisch heißt aber Übung, Training, Aufgabe.  Dies entspricht sehr dem Grundgedanken von Ethica Rationalis, da wir davon überzeugt sind, dass ein Mensch, wenn er eine Tugend leben oder „üben“ möchte, er dafür Willenskraft und eine gesunde Vernunft benötigt. Diese Eigenschaften sind nötig, um  rationale Entscheidungen treffen zu können, die dem Menschen wiederum in seiner Selbsterkenntnis weiterbringen, und ihm dazu verhelfen können dem Ideal der Tugend (als zweite Natur) einen Schritt näher zu kommen. Die wiederholte Übung inmitten der Gesellschaft (angewandte Ethik) ist dabei essentiell.

Der Antrieb dazu kommt aus dem Wunsch uns selbst besser kennen zu lernen und daher überlegter zu handeln, denn wie Marc Aurel sagt „Unsere Seele hat die Farbe unserer Gedanken“. Frau Kalmund betonte, dass die Philosophie nicht den Anspruch hat, auf alles eine Antwort zu haben. Vielmehr müssen wir lernen in den Fragen zu bleiben. Unsere Erfahrungen machen uns jedoch stärker, wenn wir es schaffen, sie reflektiert anzuschauen.  Wir müssen lernen unsere Wahrnehmung zu schärfen, und unseren Willen und Verstand mit Mut und Weisheit einzusetzen, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Wie nehme ich Menschen und Ereignisse um mich herum wahr? Wenn wir versuchen Abstand zu unseren Emotionen zu bekommen, dann ermöglicht uns das überlegter und besser zu handeln, und uns stets zu fragen: Sind unsere Entscheidungen und unser Handeln ethisch vertretbar?

Für die Stoiker war eine ganz wichtige Voraussetzung für ein gelungenes Leben, die Fähigkeit zu erkennen was wir beeinflussen oder ändern können, und was außerhalb unserer Macht liegt.  Unsere Wahrnehmung der Dinge, und nicht die Dinge selbst, bestimmt, ob wir uns glücklich oder unglücklich fühlen.

Ganz im Sinne von Aristoteles, der sagte: „Vorzüglichkeit ist keine Handlung, sondern eine Gewohnheit. Wir sind das, was wir wiederholt tun.“ und Epiktet folgend, der mahnte sich nicht nur mit lernen zufrieden zu geben, sondern immer zu üben und zu trainieren, hat Frau Kalmund mit den Teilnehmern praktische Übungen durchgeführt, die aufzeigen, dass ohne eigene Bemühung ein glückliches, ausgeglichenes Leben nicht möglich ist. Im Gegenteil „Ein Leben ist Training ohne Auszeit“.

Wir danken Frau Kalmund sehr für den spannenden und bereichernden Vormittag und freuen uns auf weitere gemeinsame Projekte mit Street Philosophy!

Hier finden Sie weitere Fotos zu der Veranstaltung.


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