Ein Freund hat mir erzählt, dass er jemanden, der ihn sehr gut kennt, gefragt hat: „Ich habe einen schwachen Willen, was kann ich tun, um mehr Willenskraft zu entwickeln?“ Die erstaunliche Antwort: „Schau erst mal, ob es nicht Bereiche gibt, in denen Du sehr wohl willensstark bist.“ Der Freund hat sich daraufhin selbst beobachtet und festgestellt, dass er in vielen Bereichen seines Lebens Erfolg hat – und dass dies auch seiner Fähigkeit geschuldet ist, Ziele mit Ausdauer zu verfolgen. 

 

Zum Beispiel hatte er ein naturwissenschaftliches Studium an einer Universität absolviert, nicht gerade eine leichte Sache. Auch hatte er es beruflich geschafft, in eine Führungsposition aufzusteigen – reiner Zufall? Nein, das konnte er eigentlich nicht glauben. Das Entscheidende, so seine Analyse, ist für ihn die Frage: Ist mir das Ziel wirklich wichtig? Denn er hatte festgestellt, dass überall dort, wo er sich eifrig und nachhaltig  einer Sache gewidmet hatte, wo er Zeit und Mühe investiert hatte, wo er auch andere überzeugen konnte – dass er überall dort extrem motiviert war. „Extrem motiviert“ – was heißt das? Es bedeutet, dass das Ziel, das er vor Augen hatte, so eine große Attraktivität für ihn besaß, dass er bereit war, eine Menge dafür einzusetzen.

Wie motivieren wir uns für innere Ziele?

Bevor wir fortfahren, das große Aber: Stellen wir nicht fest, dass materielle Ziele uns besonders stark motivieren können? Dass wir also viel einsetzen, wenn es darum geht, unser Gehalt zu verbessern, neue Fähigkeiten zu erwerben, die andere beeindrucken, einem aufwändigen Hobby nachzugehen…? Wie aber ist es, wenn es darum geht, ein inneres Ziel zu verfolgen? Ein Ziel, dass da heißen könnte:

  • Ich möchte respektvoller mit meinen Mitmenschen umgehen, vor allem mit meinem Partner, meinen Kindern, meinen Eltern.
  • Ich möchte mehr Geduld und Toleranz im Umgang mit anderen entwickeln. Ich möchte mehr Einfühlungsvermögen haben und besser zuhören können.
  • Ich möchte mich an der Gerüchteküche im Büro nicht mehr beteiligen.
  • Ich möchte endlich etwas ordentlicher werden, damit ich nicht so viel Zeit mit der Suche nach meinem Autoschlüssel verbringe.

All das sind „Felder“, die, wenn wir sie „beackern“, nicht zu sofortigen und positiven Ergebnissen führen. Manchmal stellt sich eine unsere Charakterschwächen als weitaus hartnäckiger heraus als wir zu Anfang dachten. Oder die innere Arbeit führt dazu, dass wir, einer Zwiebel gleich, immer neue unangenehme Züge an uns entdecken. Diese „Feldarbeit“ kann also sehr anstrengend sein. Daher lautet analog die Frage: Wie kann ich mich für diese innere Arbeit, diese Arbeit am Selbst motivieren? Um Ziele zu erreichen, wie etwa die Entfaltung von in uns angelegten positiven Eigenschaften bis hin zum Entwickeln von Tugenden.

Benjamin Franklins Plan zur sittlichen VervollkommnungBenjamin_Franklin_1767

Denn dafür braucht man wie für jedes andere Unternehmen auch, so Benjamin Franklin in seiner Autobiografie (2. Auflage, Becksche Reihe, 2010) einen genauen Plan:

„Ich kam zuletzt zu dem Schluss, die bloße spekulative Überzeugung, daß es in unserem Interesse liege, vollkommen tugendhaft zu sein, reiche nicht hin, um uns vor dem Straucheln zu bewahren…

Neben die Absicht, etwas zu verändern, muss daher ein Begleiter treten, und das ist seinen Worten zufolge die praktische Umsetzung:

…und die gegenteiligen Gewohnheiten müssen gebrochen, dafür gute erworben und befestigt werden, ehe wir irgend Vertrauen auf eine stetige gleichförmige Rechtschaffenheit des Wandelns haben können.“ (S. 115) 

Aufbauend auf dieser Erkenntnis ersinnt eine Methode, die auf täglicher Basis Tugenden wie Mäßigung, Ordnung, Entschlossenheit, Aufrichtigkeit oder auch Demut fördert. Was aber motivierte ihn? Es war der „kühne und ernste Vorsatz, nach sittlicher Vervollkommnung zu streben.“ (S. 115) Und er tat dies, indem er täglich daran arbeitete, indem er die Ergebnisse seines Bemühens von Tag zu Tag auswertete – und durch die Erfolgserlebnisse aus seinen Fortschritten erneut motiviert wurde, fortzufahren.

Finden Sie Ihre individuelle Motivlage!

Wir haben mit Leuten aus unserem Umfeld gesprochen und sie genau das gefragt: „Wie motivierst Du Dich, wenn es um innere Ziele geht?“ Grob zusammengefasst haben wir die folgenden sieben Antwortkategorien gefunden:

  1. Ich muss mir der Konsequenzen des Nicht-Handelns bewusst werden: Was bedeutet es für mich, mein Leben, meine Umwelt, wenn ich diese Unordentlichkeit beibehalte? Welche Rechte verletze ich damit? Um welche Erfolge bringe ich mich damit?
  2. Ich muss dankbar sein für das, was ich in Händen halte: Welches Glück, dass ich studieren durfte – nun sollte ich versuchen, in meinem Beruf der Gesellschaft von Nutzen zu sein und mich anzustrengen statt Dienst nach Vorschrift zu schieben. Welches Glück, dass ich so großzügige Eltern habe, die viel für mich getan haben – nun sollte ich mich bemühen, sie im Alter liebevoll und mit Respekt zu behandeln.
  3. Ich muss mir Vorbilder suchen und ihnen nacheifern: Wenn ich meinen Chef bewundere, weil der so diplomatisch mit seinen Mitarbeitern umgeht, sollte ich mir davon nicht eine Scheibe abschneiden? Welche Tugenden bewundere ich bei anderen am meisten? Sollte ich nicht versuchen, sie selbst in mir zu entwickeln statt neidisch auf die anderen zu schauen?
  4. Ich muss langfristig und in größerem Rahmen denken: Wenn ich diesen Punkt mit der Unordnung verbessere, wie sehr verbessert sich dann auch meine Lebensqualität! Wenn ich besser zuhöre, welche Freude werde ich erleben, weil ich anderen ein guter Ratgeber bin? Wie sehr wird das die Qualität meiner Beziehungen erhöhen?
  5. Ich muss mich selbst kennen: Jeder Mensch trägt ungeahnte Potentiale in sich. Aus der Hirnforschung wissen wir, dass wir zu viel mehr fähig sind, als wir denken. Wieso also nicht annehmen, dass ich die Fähigkeit habe, auch sehr alte und eingefahrene Gewohnheiten noch zu ändern? Sich selbst kennen, heißt Schwächen und Stärken zu sehen – und mithilfe der Stärken an den Schwächen zu arbeiten.
  6. Ich muss die Menschen kennen und die Prinzipien, nach denen die Welt funktioniert: Wenn wir die innere Arbeit in den Vordergrund rücken, wird unser Fokus sich ändern und wir beginnen, die Welt um uns herum auf neue Weise zu betrachten. Wir begreifen die innere Logik der Dinge und der Menschen um uns herum, aber auch die Prinzipien, die das Universum und die Menschen in ihm regieren. Das erhöht unser Verständnis, unsere Erkenntnis und unsere geistige Klarheit. Dadurch gewinnt man Abstand und mehr innere Ruhe.
  7. Ich muss mir klar machen, was auf dem Spiel steht: Diesen Punkt haben uns all jene genannt, die in irgendeiner Form an eine Art spirituelle Rechnungslegung glauben, die also in ihrem Denken und Handeln darauf achten, dass sie sich nicht etwas aufbürden, das ihnen eines Tages – vielleicht auch nach diesem Leben – zur Last wird und wofür sie sich einst zu rechtfertigen haben. 

First StepNicht jeder verfügt über die Willenskraft eines Benjamin Franklin, der sich einen Plan erstellte, um an 13 (!) Tugenden zu arbeiten und diesen Plan über Jahre hinweg unermüdlich verfolgte. Aber wie heißt es im Chinesischen: Jede Reise beginnt mit einem Schritt. Der erste Schritt bedeutet, den ersten Baustein aus der Mauer aus schlechten Gewohnheiten herauszubrechen. Um aber eine Reise zu tun, um den ersten Schritt nach vorne zu setzen, müssen wir motiviert sein, müssen wir uns fragen: Warum? Nehmen Sie sich Zeit und denken Sie über dieses Warum nach – Sie werden erstaunt sein, wie viele Antriebskräfte Sie in sich vorfinden. Und wenn Sie Klarheit über dieses Warum haben und zur Tat schreiten, dann erinnern Sie sich von Zeit zu Zeit daran – es ist Ihre wichtigste Kraftquelle für Veränderungen aller Art.  

 

Autorin: Evelyn Bernhard

 

Bildnachweis:

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