…trotzdem Ja zum Leben sagen.  Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager.

Viktor E. Frankl

Viktor Emil Frankl war Professor für Neurologie und Psychiatrie an der Universität Wien, hatte aber auch Professuren in Amerika inne, an der Harvard University sowie an Universitäten in Dallas und Pittsburgh. Die U.S. International University in Kalifornien errichtete eigens für ihn eine Professur für Logotherapie – das ist die von Frankl geschaffene Psychotherapierichtung, auch die ‚Dritte Wiener Richtung’ genannt (nach der Psychoanalyse von Sigmund Freud und der Individualpsychologie von Alfred Adler). Von Universitäten in aller Welt wurden ihm 29 Ehrendoktorate verliehen.

Da Frankl Jude war, führte die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Österreich 1938 eine gewaltige Umgestaltung seines Lebens herbei. Er durfte nicht mehr als Arzt, sondern nur als sogenannter Judenbehandler arbeiten, d. h. nur jüdische Patienten betreuen, und seine medizinischen Artikel wurden nicht mehr im deutschen Reich veröffentlicht. Während der Jahre 1942–45 war er in verschiedenen Konzentrationslagern gefangen. Dabei verlor er seine Frau, seine Eltern und seinen Bruder. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges kehrte er nach Wien zurück und nahm seine Arbeit als Neurologe und Psychiater wieder auf.
Die Idee zu seinem Buch ist laut Frankl in einem Moment äußerster Not entstanden: Mit wunden Füßen, die in offenen Schuhen staken, und bei grimmigem Frost war er in langer Kolonne unterwegs, um die paar Kilometer zwischen Lager und Arbeitsplatz zurückzulegen, seine Gedanken kreisten um die Grundfragen seiner (Lager-)Existenz, um das Essen, die letzte Zigarette, die möglichen Prügel des Vorarbeiters usw. In diesem Augenblick, in dem er selbst des Überdrusses seines ewig um dieselben Fragen kreisenden Denkens gewahr wird, behilft er sich mit einem Trick:

„Plötzlich sehe ich mich selber in einem hell erleuchteten, schönen und warmen, großen Vortragssaal am Rednerpult stehen, vor mir ein interessiert lauschendes Publikum in gemütlichen Polstersitzen – und ich spreche; spreche und halte einen Vortrag über die Psychologie des Konzentrationslagers!“ (S. 120)

Und so unternimmt er den Versuch, die „Psychologie des Konzentrationslagers“ zu beschreiben – sowohl in Hinblick auf die inneren Zustände, durch die der internierte Häftling gehen muss, als auch in Bezug auf seine Möglichkeiten, mithilfe der „Trotzmacht des Geistes“ sich den Widrigkeiten des Lageralltags entgegenzustellen und physisch wie psychisch, vor allem aber ‚menschlich’ zu überleben.

Im Lager Auschwitz war er gezwungen worden, sein Buchmanuskript, das sein Lebenswerk enthält, hinzuwerfen; später, immer noch inhaftiert und gegen das Fleckfieber kämpfend, beginnt er, auf winzige Zettel mit stenographischen Stichworten festzuhalten, was in seinem Kopf weiter lebendig ist – denn in Auschwitz und Dachau waren, nach seinen eigenen Worten, seine „Theorien getestet worden“. Das Leiden ist für ihn ein Teil des Lebens, genauso wie der Tod, und muss daher unbedingt angenommen werden:

„Wenn Leben überhaupt einen Sinn hat, dann muß auch Leiden einen Sinn haben.“ (S. 110)

Er macht die Beobachtung, dass diejenigen KZ-Häftlinge, die einen Sinn in ihrem Leben sahen, entweder, weil sie noch eine wichtige Aufgabe zu vollenden hatten (eine unveröffentlichte Bücherserie eines Wissenschaftlers) oder weil jemand auf sie wartete (eine Frau, ein Kind), dadurch eine Hoffnung hatten und ihr Denken auf die Zukunft hin ausrichteten, was ihnen half, mit der Misere der Gegenwart besser zurechtzukommen:

„Ein Mensch, der sich dieser Verantwortung bewußt geworden ist, die er gegenüber dem auf ihn wartenden Werk oder einem auf ihn wartenden liebenden Menschen hat, ein solcher Mensch wird nie imstande sein sein Leben hinzuwerfen, Er weiß eben um das „Warum“ seines Daseins – und wird daher auch fast jedes „Wie“ zu ertragen vermögen.“ (S. 128)

Auch in seinem psychotherapeutischen Denken steht im Mittelpunkt die Idee vom Sinn. Es sei die Sache des Therapeuten, seinem Patienten zu helfen, den Sinn seines Lebens zu entdecken. Der Sinn sei für jeden Menschen und für jede Lebenssituation spezifisch: „einzigartig und einmalig“. Der Mensch kann Frankl zufolge nicht selbst darüber befinden, was der Sinn seines Lebens ist. Dieser steht schon fest, und es kommt auf einen jeden an, den Sinn zu finden. Aufgabe des Menschen ist es, sich auf etwas, das über ihn selbst hinausgeht (einen anderen Menschen oder eine Sache) auszurichten (Selbsttranszendenz). Frankl sieht den Menschen als Wesen, das aus den Dimensionen Leib, Seele und Geist besteht, wobei der Geist, der unsterblich ist, die Macht hat, sich dem Triebhaften, das von Leib und Seele ausgeht, entgegenzustellen. Daher auch die Bezeichnung „Logotherapie“ für seinen therapeutischen Ansatz: Logos steht dabei für „Wort“, „Vernunft“ oder „Sinn“.

Das Einzigartige und Einmalige eines jeden Individuums zieht auch nach sich, dass der Mensch stets selbst entscheiden kann, wie er sein Leben betrachtet und gestaltet, das heißt, dass er selbst die Entscheidung trifft, ob er den triebhaften Anteilen in sich selbst oder den verantwortungsvollen, erhabenen Anteilen Raum geben möchte:

„Wir haben den Menschen kennengelernt wie vielleicht bisher noch keine Generation. Was also ist der Mensch? Er ist das Wesen, das immer entscheidet, was es ist. Er ist das Wesen, das die Gaskammern erfunden hat; aber zugleich ist er auch das Wesen, das in die Gaskammern gegangen ist aufrecht und ein Gebet auf den Lippen.“ (S. 139)

Er stellt die wichtige Frage, ob es tatsächlich so sei, dass der Mensch, in die besondere, sozial bedingte Umwelt des Lagerlebens gestellt, sich den Einflüssen dieser Daseinsform gar nicht entziehen könne? Dass er doch sichtlich Zwängen unterliege und daher gar nicht anders könne (als etwa sein eigenes Wohl zu sichern und sich nicht um das der Anderen zu kümmern)? Frankl antwortet, dass seiner Beobachtung nach der Mensch sehr wohl „auch anders kann“; er gibt im Übrigen zahlreiche Beispiele dafür, unter anderem das eines Aufsehers, der, unbestechlich und ungeachtet der Person, die da vor ihm steht, die Suppe austeilt, und der jedem eine Portion gleicher Menge und gleicher ‚Qualität’ (Fleisch und Kartoffeln befanden sich stets am Boden der großen Töpfe) überreicht. Es gebe, so Frankl, einen Rest an Freiheit, an jedem Tag und zu jeder Stunde, der eine Gelegenheit bietet, „Mensch zu bleiben und die Menschenwürde zu bewahren“, anstatt ein „typischer Lagerhäftling“ zu werden:

Wer von denen, die das Konzentrationslager erlebt haben, wüsste nicht von jenen Menschengestalten zu erzählen, die da über die Appellplätze oder durch die Baracken des Lagers gewandelt sind, hier ein gutes Wort, dort den letzten Bissen Brot spendend? Und mögen es auch nur wenige gewesen sein – sie haben Beweiskraft dafür, dass man dem Menschen im Konzentrationslager alles nehmen kann, nur nicht die letzte menschliche Freiheit, sich zu den gegebenen Verhältnissen so oder so einzustellen. Und es gab ein „So oder so“! (S. 108)

Quellen und weitere Details:

 


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