Im Rahmen der Ethik-Konferenz von Beyond Good fand für interessierte Teilnehmer ein Workshop zur praktischen Umsetzung statt. Fokus war ein Thema, das jeden von uns angeht: Die Ethik des Dialogs. Dazu ein Kommentar aus dem Teilnehmerkreis: „Wer annahm, dass der Besuch der Masterclass dazu dient, seinen Heiligenschein zu polieren, der wurde enttäuscht“. Denn was sich der Verein (rational – universal – angewandt) auf die Fahnen geschrieben hat, war auch bei dieser Veranstaltung das Ziel: die Umsetzung von ethischen Prinzipien in alltäglichen Situationen.

Gemeinsam die Optionen abwägen

Schon der praxisnahe Einstieg über eine Fallstudie zum Thema Versöhnung motivierte zum aktiven Mitdenken. Es war für alle nachvollziehbar, wie man sich in einem beruflichen Kontext fühlt, wenn man in großer Runde von einem Vorgesetzten unberechtigt beschuldigt wird. Moderiert durch die Co-Referentin Dr. Angela Poech entstand eine rege Diskussion über mögliche Handlungsempfehlungen für den Betroffenen: Von der sofortigen Reaktion über „erstmal durchatmen“ bis zur Kündigung („will ich in einem Unternehmen mit dieser Unternehmenskultur überhaupt arbeiten?“) waren alle Meinungen vertreten. Der Co-Referent Dr. Andreas Belwe ergänzte diese Möglichkeiten um eine Reihe philosophischer Denkansätze. Am meisten schmunzeln kann man dabei wohl über Epiktet (Weg zu glücklichem Handeln, Frankfurt/M. 2009): „Wenn dir jemand hinterbringt, dass der oder jener gehässig über dich spricht, so verteidige dich nicht gegen dessen Behauptungen, sondern antworte: Er wusste wohl die anderen Fehler nicht, die mir noch anhaften, sonst hätte er nicht bloß diese angeführt.“

Was können wir daraus für uns lernen?

  1. Es gibt kein Richtig oder Falsch.
  2. Jeder Mensch befindet sich in einem anderen beruflichen Kontext. Damit hat er ein anderes Bild vor Augen, wenn er diese Dilemmasituation liest und deshalb divergieren auch die Lösungsvorschläge („Jeder hat seine eigene Realität.“)
  3. Die Philosophie dient als Ratgeberin, wobei man sich bewusst sein sollte: Nicht alles ist praktikabel!

Ethik ist niemals ein Ego-Projekt

In jedem Fall konnte man sich aufgrund der fiktiven Geschichte, die jedem so hätte passieren können, gedanklich in das Szenario eines ethischen Konflikts hineinversetzen. So trivial es klingen mag, so erkenntnisreich ist doch die Tatsache, wie wichtig es ist, über Situationen dieser Art ausgiebig zu reflektieren. Ethisches Verhalten fällt nicht vom Himmel – es ist ein Prozess der Erkenntnis (in vitro), der auf der Grundlage von Beobachtung und Reflexion schließlich in der Umsetzung mündet (in vivo). Vieles passiert unbewusst, daher ist es so wichtig, Klarheit und Bewusstsein über das eigene Tun zu erlangen. Grundvoraussetzung dafür ist Offenheit und der Austausch mit unseren Mitmenschen. Dr. Poech resümierte: „Nur wenn wir in Interaktion mit anderen gehen, können wir etwas über uns selbst erfahren“.

Dialog ist mehr als Gesprächstechnik

Das verdeutlichte auch ein Rollenspiel zum Thema „Schwieriges Feedback“. Zwei Teilnehmerinnen führten einen Dialog, der anschließend gemeinsam erörtert wurde: Wie war die Wirkung der Unterhaltung auf das Publikum? Wie haben sich die betroffenen Spieler gefühlt? Dabei wurde klar, wie stark Sprache sein kann und wie unterschiedlich ein und dasselbe Wort aufgefasst werden kann: Persönliche Erfahrungen sorgen bei jedem für spezifische Schmerzpunkte. Einig war man sich jedoch darin: Wer ein faires Spiel spielen will, hält sich fern von manipulativen Gesprächstechniken.

Die Rolle der Anerkennung in der Ethik des Dialogs

Im Workshop erarbeiteten die Teilnehmer in Gruppen die Merkmale der Dialogethik. Als Ergebnis sind Begriffe festzuhalten: Wertschätzung, Respekt, Augenhöhe, Zuhören, Angstfreiheit, Würde, Reflexion – und die Analyse der eigenen Werte, die der Kommunikation mit anderen zugrundeliegen. Man müsse sich immer wieder auf die Prüfung stellen und dem Gegenüber mit Empathie gegenübertreten, um sich selbst in seinen eigenen Verhaltensweisen beobachten zu können. Denn die Reaktion des anderen (Stichwort „kritisches Zuhören“) gibt wertvollen Aufschluss über das eigene Verhalten. Das ist nicht immer einfach, denn es konfrontiert uns mit unseren Charakterdefiziten. Als Beispiel wurde die Egozentrik genannt: Eine egozentrische Person nimmt mehr Rederaum ein als andere, erzählt meist von sich selbst und ist eher unempfänglich für die Nöte anderer. 

Will eine solche Person diesen Charakterzug verändern, muss sie ihn mit dem Gegenteil konfrontieren, der Selbstlosigkeit. Konkret im Sinne der Dialogethik heißt das, wie die Teilnehmer herausgearbeitet haben: Fragen Sie Ihren Kollegen aufrichtig wie es ihm geht! Entschuldigen Sie sich bei Ihrem Mitarbeiter, dass Sie ihm Unrecht getan haben! Bedanken Sie sich beim Kollegen, dass er Ihre Kaffeetasse gestern in die Spülmaschine gestellt hat! Wer diese innere Arbeit schon mal versucht hat, weiß, wie schwer es ist. Insofern macht uns das Praktizieren auch auf eine gewisse Weise bescheiden – indem wir unsere eigenen Grenzen erleben.

In Anlehnung an die Begrüßungsworte von Prinz Ludwig von Bayern auf der Konferenz von Beyond Good am 9.11.2017 fasste Dr. Poech am Schluss zusammen: Ethik ist kein Begriff, der über uns schwebt und unerreichbar ist. Beginnen Sie in kleinen Schritten! Denn: „Eine gute Intention wird in jedem Falle Früchte tragen.“

Lassen Sie mich schließen: Der Besuch der Master Class macht Sie noch nicht zu einem besseren Menschen. Aber wenn Sie die Grundidee dahinter – die Theorie in die Praxis zu tragen – umsetzen, dann wird auch Ihr Heiligenschein ein bisschen mehr glänzen.

Bitte schreiben Sie uns, welche Themen Sie im Rahmen der Masterclass Reihe noch interessieren würden: info@ethica-rationalis.org

Autorin: Anja Kaiser


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