Vor einigen Wochen hat ein Mann in München ein Kind vor dem Ertrinken gerettet – er selbst hat das nicht überlebt. Diese Art von selbstlosen Heldentaten kommt uns in den Sinn, wenn wir an „ethisches Verhalten“ denken. Wir denken an Menschen, die so fest an ihre Überzeugungen glauben, dass sie weder Verleumdung noch Gefängnis fürchten oder ihr gesamtes Hab und Gut im Dienste am Anderen einsetzen – Personen wie Johanna von Orleans, Mahatma Gandhi oder Mutter Theresa. Auch verknüpfen wir oft hehre gesellschaftliche Ziele mit ethischem Handeln, wie der Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit, Armut, Hungersnöte und Naturkatastrophen. Wir bewundern diese Menschen für ihr Tun und der ein oder andere mag sich die Frage stellen: “Könnte ich auch so handeln?“ Viele würden im ersten Moment sagen: „Nein, das bringe ich nicht zustande!“ ohne sich bewusst zu sein, dass ethisches Handeln im Kleinen beginnt. Im Folgenden möchten wir den Blick auf den „kleinen Bruder“ der Heldentat richten: Die Ethik der kleinen Schritte oder alltägliche Ethik.

Alltägliche Ethik

Unter alltäglicher Ethik wollen wir ein Verhalten verstehen, dass sich an jedem Tag und in jedem Augenblick praktizieren lässt, ein Verhalten, dass weder große Vorbereitung noch übernatürliche Anstrengungen oder Opfer von uns verlangt. Wie ist das zu verstehen? Der Ansatz, der die Grundidee am prägnantesten zusammenfasst, dürfte die Goldene Regel sein: „Verhalte dich anderen gegenüber so, wie du von ihnen behandelt werden möchtest; und was du für dich nicht wünschen würdest, das solltest du auch anderen nicht zufügen.“

Erinnern wir uns an Situationen, in denen andere uns Gutes taten… der Zuspruch eines guten Freundes in einem Moment, in dem man Aufmunterung brauchte, die Gastfreundschaft von Fremden oder der freundliche Gruß des bis dahin noch unbekannten Kollegen, die nette Dame, die uns ausführlich den Weg erklärte… Gesten, die uns zunächst unbedeutend scheinen, die uns aber das Gefühl geben, als Mensch geschätzt und wahrgenommen zu werden. Definiert man ethisches Handeln in dieser Weise, ist das „Betätigungsfeld“, in dem man ethische Verhaltensweisen praktizieren kann, fast unbegrenzt. Es umschließt alle Bereiche des täglichen Lebens, ob man sich am Arbeitsplatz, in der Familie, bei Freunden, im Straßenverkehr etc. befindet – überall bieten sich Gelegenheiten, sich höflich, ehrlich, tolerant und rücksichtsvoll zu verhalten. Hinzu kommt, wie jeder von uns bereits selbst festgestellt hat, dass diese Taten nicht ohne Wirkung bleiben.

Jede unserer Taten hinterlässt eine Wirkung

Der erste positive Effekt ist die Wirkung auf unsere Psyche: Man erfährt ein Gefühl der Zufriedenheit, des „guten Gewissens“, und fühlt sich innerlich bestätigt, dass man richtig gehandelt hat. Dazu kommt die positive Wirkung auf die Anderen: Wenn wir jemandem geholfen haben, der in Schwierigkeiten steckte, oder jemanden verteidigt haben, der zu Unrecht angegriffen wurde, dann haben wir dem Betreffenden einen Dienst geleistet – und die Welt „ein klein wenig besser“ gemacht. Möglicherweise entwickelt der „Empfänger“ unserer Taten uns gegenüber auch ein Gefühl der Zuneigung oder des Vertrauens (der neue Kollege, den wir herzlich empfangen haben, traut sich um Hilfe zu bitten, wenn er nicht weiterkommt). Oder wir erreichen durch unser Handeln sogar, dass andere dieses Verhalten weitergeben – aus Dankbarkeit, dass ihnen Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft widerfahren ist.

Auch die alltäglichste unserer Handlungen hat grundsätzlich eine Wirkung auf uns selbst und auf andere – es liegt allein an uns, diese Wirkung positiv oder negativ zu gestalten. An dieser Stelle sollte ergänzt werden, dass die beste Wirkung dann erzielt wird, wenn wir in der Absicht handeln, unsere „Menschenpflicht“ zu erfüllen, also ohne Erwartungen an die Reaktion des Gegenübers. Die beste Motivation zu ethischem Handeln ist das Bewusstsein, dass alle Menschen gleich sind und in gleichem Maß unser Mitgefühl und unsere Zuwendung verdient haben. Die hohe Kunst liegt darin, nicht auf die Dankbarkeit und Anerkennung der anderen zu warten, sondern uns selbst (vielleicht sogar gerade dann) ethisch zu verhalten, wenn der andere mit Gleichgültigkeit oder Undankbarkeit reagiert. Alltägliche Ethik hat demnach nicht nur mit dem äußeren Verhalten, sondern auch mit unserer inneren Einstellung zu tun: für andere Menschen ein aufrichtiges Wohlwollen zu empfinden.

Die positive Wirkung ethischer Taten bleibt dauerhaft bestehen

Nun gibt es Momente, in denen es uns schwer fällt, dieser Empfehlung zu folgen. Dann müssen wir uns unter Umständen überwinden, dem Kollegen beim Umzug zu helfen und dafür einen Ferientag zu opfern – und dann auch noch hinzunehmen, dass er das als selbstverständlich betrachtet! Auch wenn wir uns in solchen Fällen erst selbst von der Notwendigkeit überzeugen müssen, ethisch zu handeln, so lässt sich doch beobachten, dass die Wirkung dieser Taten bestehen bleibt. Wenn wir uns, wie vorhin erwähnt, an das Gute erinnern, dass uns zuteil wurde, dann bleiben uns gerade diese „kleinen“ freundlichen Taten im Gedächtnis. Unsere Handlungen können demnach Vorbild für andere werden, genau so wie die Handlungen anderer Vorbild für uns sind.

Übung macht den Meister…

Ein weiterer positiver Aspekt ist das Ringen mit unserem Ego, das nötig ist, um positive Taten umzusetzen. Nehmen wir als Analogie hierzu den Sport. Genauso, wie man jede Bewegung innerhalb einer sportlichen Disziplin viele Male üben muss, um diese zu perfektionieren, müssen wir auch ethische Handlungen viele Male wiederholen, um uns diese zur zweiten Natur zu machen. Und genauso wie wir beim sportlichen Training immer wieder Kampfgeist beweisen müssen, benötigen wir auch im „Ethik-Training“ Willenskraft und Disziplin, um innere Widerstände zu überwinden. Denn üblicherweise ist es nicht wahre Nächstenliebe, die am Anfang unserer Bemühungen steht: alle Menschen bedingungslos und vorurteilslos zu lieben, setzt ein überaus hohes Niveau an persönlicher Reife und Entwicklung voraus. Am Anfang stehen vielmehr diese kleinen Gesten, die unsere Wertschätzung für unsere Mitmenschen ausdrücken. Selbst wenn es uns mitunter schwer fällt, weil wir einen Verzicht leisten müssen oder weil wir nicht jedem Menschen die gleiche Sympathie entgegenbringen – am Ende lohnt es sich doch. Denn unabhängig von der Reaktion anderer können wir durch ethisches Handeln in jedem Falle unsere Selbsterkenntnis mehren. Durch die Ethik der kleinen Schritte lässt sich aber noch sehr viel mehr erreichen: Wir erfahren die Freude der guten Tat, wir genießen die Aufmerksamkeit und Wertschätzung unserer Mitmenschen, wir wissen, dass wir unser Leben in einem positiven Sinne verwenden und wir haben die Gewissheit, das uns inneliegende Potential zu entfalten und zu entwickeln, um dem „wahren Menschsein“ ein Stück näherzukommen. So erleben wir nicht nur jene Form der Zufriedenheit, die in dem Moment entsteht, in dem wir anderen Gutes tun, sondern spüren nach einer gewissen Zeit, wie eine besondere Form des inneren Friedens unser Selbst erfüllt und unserem Leben eine neue Färbung gibt.

Quellen:

Camerlynck, Eric: L’Éthique des petits actes, Paris 2005


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